Zu Besuch in der Rusangu und Kasisi Krankenstation

Bericht von Dr. med Olaf Büttner:

Eigentlich ist Mr. Happyson Mulima als Chemie- und Biologielaborant in der Rusangu Highschool angestellt. Mit Reagenzien und dem Herstellen von diversen Mixturen kennt er sich also bestens aus. Was liegt da näher als den weißen Schutzkittel des Chemielabors gegen den Arztkittel zu tauschen? Mr. Mulima wurde in einem sechswöchigen Intensivkurs im Monze Hospital als public health specialist ausgebildet und arbeitete lange als freiwilliger Helfer in der örtlichen Gesundheitsversorgung mit, um ausreichend Erfahrung für seine medizinische Tätigkeit als Schulkrankenpfleger in Rusangu zu sammeln, wo er die erste Anlaufstation für die über 700 Schüler und Schülerinnen ist.

 

Ich werde eingeladen die kleine Krankenstation zu besuchen. Als wir ankommen, warten schon zwei Schülerinnen vor der Tür auf den aufgestellten Bänken und erwarten Hilfe von dem freundlichen und sympathischen jungen Mann Anfang dreißig. Die erste Schülerin ist von einem grippalen Infekt geplagt. Mir fällt es schwer bei 25°C Außen- temperatur zu verstehen, dass in Sambia gerade Winter ist und wir uns in der Hochsaison für Husten, Schnupfen, Heiserkeit befinden. Mr. Mulima greift zu seinem Stethoskop (ein ziemlich heruntergekommenes Exemplar, ein Ohrknauf ist scheinbar verloren gegangen und durch eine Eigenkonstruktion aus Gummi und Klebeband ersetzt). Er ist beruhigt, es scheint sich nur um einen Infekt der oberen Atemwege zu handeln und verschreibt Paracetamol, um das Fieber zu senken. Etwas betrübt zeigt er mir seine sehr bescheidene kleine Hausapotheke. Es hat gerade mal einmal ein wenig Paracetamol, Ibuprufen, Aspirin, Elektrolytkonzentrate für schwere Durchfälle, ein Parasitenmittel gegen Wurmbefall (Albendazol) und ein paar übrige Tabletten des Antibiotikums Bactrim. Oft muss er ein Rezept ausstellen, und um das einzulösen laufen die kranken Schüler oder Freunde etliche Kilometer bis zur nächsten Apotheke in Monze.

Schwierig ist es für ihn diejenigen Kinder und Jugendlichen zu erkennen, bei denen das Fieber in der Winterzeit nicht durch eine sogenannte common cold („Erkältung“), sondern durch Malaria verursacht ist.Für solche Fälle hat er zwar Coartem parat, aber für einen Malariatest muss er seine Schüler in das Krankenhaus schicken. Dabei gäbe es ja mittlerweile relativ preisgünstige Malariaschnelltests, mit denen er schon während seiner Ausbildungszeit am Monze Krankenhaus gearbeitet hat.

Die zweite Schülerin verlangt nach ein paar Schmerztabletten gegen ihre Regelschmerzen. Mr. Mulima gibt ihr ein paar Ibuprofen mit, wobei er kritisch in die Medikamentendose aus schwarzem Plastik blickt. Nur noch 5 Stück übrig und eigentlich hätten sie bis zum Monatsende reichen sollen (wir haben gerade mal den 12.).

Der Aufbau der Gesundheitsversorgung an allen besuchten Schulen stellt sich ähnlich dar. Meist ist ein kleines Zimmerchen für die sogenannte school nurse bzw. den school health officer reserviert. Die Ausstattung an Medikamenten ist überall spärlich, obwohl die Ausbildung und Fachkompetenz der zuständigen Krankenpfleger durchaus eine gute klinische Diagnostik und die Abgabe der wichtigsten Medikamente erlauben würde. Nur wenige verfügen über eine kleine Krankenabteilung mit 2-3 Betten für Schüler, die nicht zurück in die überfüllten Schlafsäle geschickt werden können. Problematisch gestaltet sich oftmals die Versorgung kleinerer Wunden oder Blessuren. Es mangelt an Desinfektionsmitteln, Kompressen, Pflastern und Verbandsmaterial.

Julien Johnson ist school nurse an der Kasisi girls school. Heute findet das jährliche Sportfest statt. Ein Mädchen ist gestürzt und hat sich Schürfungen an beiden Knien und den Handinnenflächen zugezogen. Die Wunden werden mit einfachem Wasser aus dem Gartenschlauch gespült und nur mit Mühe kann Julien noch eine saubere Kompresse auftreiben, um die Wunden zu verbinden. In Ihrer Ausbildung hat sie gelernt Rissquetschwunden zu versorgen und auch kleinere Wunden zu nähen. Aber in Ihrer Krankenstation verfügt sie nicht einmal über das erforderliche Equipment wie Pinzetten, Nadelhalter und Fadenmaterial, geschweige denn die erforderlichen Sterilisationsvorrichtungen. Solche Verletzungen muss sie ins Krankenhaus nach Lusaka schicken, wo die Mädchen oft stundenlang warten müssen, und die Wunden sich anschließend häufig entzünden, wenn sie überhaupt noch genäht werden können (eigentlich gibt es ein Zeitfenster von 6 bis maximal 12 Stunden, in denen man Hautwunden nähen sollte). Im Winter leiden die Kinder unter Erkältungen und Durchfallerkrankungen, im Sommer und in der Regenzeit ist es die Malaria. Auch spielen Parasiteninfektionen eine viel größere Rolle als in der westlichen Welt. Und wie überall in der Welt ist mit dem Auftreten von AIDS auch die Tuberkulose zurückgekehrt. Ich nutze die Gelegenheit und frage Julien über die HIV-Problematik aus. Sie kann nicht sagen, ob es unter Ihren Schülerinnen HIV-positive gibt. Die Mädchen sind zwischen 12 und 20 Jahren und einige haben bestimmt schon sexuelle Erfahrungen gemacht. Auf jeden Fall wird das Thema in der Schule offensiv angegangen. Trotz der streng kirchlichen Trägerschaft gibt es keine Tabus. Natürlich steht Abstinenz an oberster Stelle, aber auch die präventive Bedeutung des konsequenten Gebrauchs von Kondomen wird besprochen. Diese Eindrücke bestätigt mir Mr. Mulima aus Rusangu: Das Problem sei nicht mehr, dass die Menschen in Sambia nicht über die biologischen Zusammenhänge Bescheid wüssten. Vielmehr ist es oft ein gewisser Fatalismus in einer häufig trostlosen sozialen und finanziellen Gesamtsituation, dass man sich im entscheidenden Moment denkt: „Was soll ´s?“ Natürlich gäbe es in bestimmten ländlichen Regionen auch noch schädliche rituelle Praktiken, diese würden aber mehr und mehr verdrängt. Er blickt auf den Boden und irgendwie verspüre ich, dass es trotz der nach außen offenen Darstellung den Menschen schwer fällt über dieses Thema zu sprechen. Es wird zwar von den Verantwortlichen viel über HIV/AIDS gesprochen. Dass es einen aber selber betreffen könnte oder man im eigenen privaten und familiären Umfeld bereits etliche AIDS-Tote zu beklagen hat, wird (vielleicht verständlicherweise) nicht angesprochen. Auf Nachfrage erzählt mir Mr. Mulima, dass es letztes Jahr zwei Tote unter den älteren Schülerinnen und Schülern zu beklagen gab, vermutlich AIDS-Opfer. Aber nur selten kommen Schüler und bitten ihn, sie ins Spital für einen kostenlosen Test zu schicken. Die meisten befürchten Ausstoßung aus Klassengemeinschaft und Freundeskreis.

Überall, wo wir in Sambia hinkommen finden wir sehr gute Plakate und Anti-AIDS Werbungen. Im ganzen Land sind Drama-groups unterwegs, die mit Schauspielern in Theaterstücken offensiv Aufklärung betreiben. In zahlreichen Städten und Kommunen laufen Hilfsprojekte, die an Tausende von Menschen antiretrovirale Medikamente (ARV´s) verteilen. Leider nur ein Tropfen auf den heissen Stein, bei einer Million Infizierten. USAID oganisiert Konzerte, Aktionsveranstaltungen und investiert viel Geld. In Livingstone haben wir sogar Gelegenheit den sambischen Popstars Danny, K'millian, and MC Wabwino live zuzuhören (AIDS benefit concert: One for one).

Es wird viel für Aufklärung getan und die Menschen wissen Bescheid. Auch wenn es uns leicht fällt den mahnenden Zeigefinger zu erheben und auf die immer noch immens hohen Zahlen an jährlichen Neuinfektionen zu verweisen. Trotzdem macht das Land das, was es kann. Und tatsächlich sinken die Infektionsraten. Wie unser Besuch in den Schulen und Krankenstationen zeigt, sind es aber oft auch viel einfachere Dinge, die von großem Nutzen sein könnten. Eine Schule wie Kasisi vollständig mit Moskitogittern an den Fenstern auszustatten würde nur wenige hundert Euro kosten. Die Regierung unterstützt solche karitativen Projekte, indem sie massive Steuererleichterungen bei der Mehrwertsteuer und den Handwerkerleistungen gewährt. Und Julien, Happyson und Co. könnten mit wenig Mitteln ihre kleinen Krankenstationen aufrüsten und den Schülern eine bessere medizinische Versorgung zuteil werden lassen.

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