Reisebericht 2007

Reisetagebuch von Gerda Büttner
Fotos von Silvia Kopp und Olaf Büttner

Informationsreise vom 6. Juni bis 19./20. Juni 2007 nach Sambia – Besuch des Projekts „Schulbildung für Aidswaisen in Sambia“

Mittwoch, 6. Juni 2007 – Abflug München-London-Lusaka

12 Uhr Abfahrt zum Flughafen München. Olaf, Silvia und ich quetschen uns und unser Gepäck in mein kleines Auto (da wir am 19. spät abends zurückkommen, ist nicht sicher, ob wir den letzten Flughafenbus nach Ingolstadt noch erreichen werden).
16 Uhr 15 Abflug nach London Heathrow, 17 Uhr 15 Ankunft (Ortszeit), Transfer zum Internationalen Abflugsterminal, 19 Uhr 15 Start nach Lusaka, Ankunft um 6 Uhr 15 im Lusaka International Airport.

Donnerstag, 7. Juni 2007 – Dr. Tim – Aidskranke – Vorstand HBCAA

Winnie Chibesakunda, die Vorsitzende unseres sambischen Partnervereins, erwartet uns am Flugfeld vor dem Gebäude. Große Freude und ein paar Wiedersehenstränen. Wir treffen uns seit der Vereinsgründung am 20. Mai 06 und meinem kurzen Besuch in Bonn im Mai, wo Winnie an einer internationalen Klimatagung teilnahm, zum ersten Mal wieder (seither nur Telefon- und E-Mailkontakt). Wir werden als VIPs behandelt, müssen nicht durch den Zoll (haben auch nichts zu deklarieren), warten aber wie alle anderen aufs Gepäck. Alles kommt an, British Airways mit Direktflug aus London ist halt doch sicherer als mehrmals innerhalb Afrikas umzusteigen.

Winnie hat ein volles Programm für uns vorbereitet, Müdigkeit wird verdrängt, schnell ins Ndeke Hotel, Dr. Longa Chibesakunda wartet schon und um 11 Uhr treffen wir seinen Freund Dr. Tim Maede im Corpmed Medical Centre. Dr. Tim, wie er von allen genannt wird, ist Amerikaner aus Minnesota, war bei Ärzte ohne Grenzen tätig, lebt seit ein paar Jahren in Lusaka und engagiert sich neben seiner Allgemeinpraxis ehrenamtlich in mehreren Waisenhäusern und Hospizen für Aidskranke.

Mit ihm und Longa, promovierter Biotechniker, fahren wir durch Lusaka zum Stadtteil Kabwata zu einem Tagesheim für aidskranke Kleinkinder und dem dortigen Jon-Hospiz für aidskranke Erwachsene, die von Dr. Maede betreut werden. Das Anwesen macht, nach der Fahrt durch Kabwata mit seinen Einfachsthäuschen und buckeligen mit Plastikmüll gesäumten Staubstrassen, einen gepflegten Eindruck, die Kinder werden gut versorgt und scheinen fröhlich zu sein, die Schwestern kümmern sich sehr.

Doctor Tim mit seinen Schützlingen
Dr. Maede und Dr. Büttner besprechen Behandlungsmethoden für aidskranke Kinder

Gegenüber im Hospiz liegen Frauen und Männer, denen nicht mehr geholfen werden kann. Ich setze mich, nachdem ich kurz bei den Frauen war, vor das Haus und weine unter meiner Sonnenbrille. Olaf, Silvia, Longa und Tim sprechen mit den Kranken und haben mehr Kraft. Olaf vereinbart, mit Tim Maede in engem Kontakt zu bleiben und ihn eventuell bei gesundheitlichen Fragen unserer Stipendiaten in Anspruch nehmen zu dürfen.

Treffen mit Vorstand Partnerverein

Am frühen Abend treffen wir den Vorstand des Partnervereins „Hans Buettner Chaabwe Academic Association“. Wir machen uns gegenseitig bekannt. Vom Vorstand des Partnervereins sind anwesend: die Vorsitzende Winnie Natala Chibesakunda, der Stellvertreter Phillip Mukuka, der Schatzmeister Malcolm Chabala, Beauty Chengala (Öffentlichkeitsarbeit) sowie Dr. Nicholas Kwendakwema, Justine Chisulu und Dr. Onesmus Munyati (Beisitzer). Außerdem ist Felina Chongola, Mitarbeiterin im Finanzministerium, dabei, die für das Ministerium unter anderem auch unsere Partnerschulen besichtigt.
Entschuldigt sind die Schriftführerin Elizabeth Mweemba und die Beisitzer Joseph Weltin, Justin Chisulo und Adam Hussen. (Die Vorstandsmitglieder beider Vereine sind auf der website unter „Der Verein“ aufgeführt.)

Auf der Tagesordnung stehen vor allem Punkte, die den jetzigen Stand der Vereinstätigkeit in Deutschland und Sambia beschreiben und die Zusammenarbeit mit den Partnerschulen und Anzahl der Stipendiaten thematisieren. Ebenso sollen die Aufgabenbereiche und Verantwortlichkeiten beider Partnervereine in einem Papier definiert werden.
Schnell wird klar, dass unser Förderprogramm „Schulbildung für Aidswaisen in Sambia“ sehr arbeitsintensiv ist. Beide Seiten wollen garantieren, dass die Geldmittel ausschließlich bedürftigen Schülern und Schülerinnen zugute kommen und ein persönlicher Kontakt mit unseren Stipendiaten besteht. Das bedeutet, dass Stipendiaten und Schulen regelmäßig, mindestens einmal pro Trimester besucht und persönliche Gespräche geführt werden. Es muss auch sicher gestellt sein, dass das Schulgeld für unsere Stipendiaten verwendet wird und diese persönlich die notwendigen Sachmittel wie Decken, Kleidung, Hygieneartikel usw. bekommen.

Da dieser Arbeitsaufwand auf Dauer kaum ehrenamtlich durchzuführen sein wird, überlegen wir gemeinsam eine Möglichkeit, dieses Problem zu lösen, ohne Vereinsmittel zu verwenden.
Ebenso stellen wir fest, dass momentan eine Ausweitung unserer Förderung auf weitere Schulen in Sambia aus organisatorischen Gründen kaum möglich ist, vielleicht können noch ein, zwei Schulen nördlich von Lusaka einbezogen werden. Die Konzentration unserer Schulen bis zu 200 Kilometer südlich von Lusaka ist gerade noch zu bewältigen.
Winnie lobt die Mitarbeit des gesamten Vorstands, leistet aber den Großteil der Arbeit selbst. So besuchte sie Anfang 2007 die sechs Schulen zweimal, um persönliche Gespräche mit den von den Schulen vorgeschlagenen förderungsbedürftigen Jugendlichen zu führen.
Sinnvoll erscheint, die Zusammenarbeit mit den jetzigen Partnerschulen zu intensivieren und dort jährlich neue Stipendiaten aufzunehmen, wenn die Geldmittel des deutschen Vereins es ermöglichen. Allein an diesen Schulen warten etwa 300 bis 500 Schüler und Schülerinnen auf Hilfe, deren Vater und Mutter oder ein Elternteil gestorben sind und für die keine Schulgebühren mehr bezahlt werden können.

Der sambische Verein, kurz HBCAA, wird nach seiner offiziellen Registrierung verschiedene Aktivitäten entwickeln, um unser Projekt bekannt zu machen und eventuell in Sambia selbst Unterstützung und Förderer zu gewinnen.

Für Silvia, Olaf und mich war es sehr wichtig mit den Vorstandsmitgliedern des sambischen Partnervereins zusammen zu treffen und die Vereinsziele zu besprechen. Wir waren um so mehr von der Wichtigkeit und Richtigkeit unseres gemeinsamen Projektes überzeugt.

Freitag, 8. Juni 2007 – Kasisi Schule – Kasisi Waisenhaus

Kasisi Girls Secondary School für Mädchen

Vom Stadtzentrum etwa 25 km nach Osten in Richtung Flughafen liegt Kasisi, ein kleiner Ort mit Schulen und Waisenhaus. Um 9 Uhr treffen wir (Winnie, Longa, Silvia, Olaf und ich) an der Kasisi Girl´s Secondary School, Internat für Mädchen, ein. Die Schule wurde 1935 als Volksschule errichtet und wird seit 1987 als Secondary Boarding School für Mädchen genutzt. 320 Schülerinnen leben hier und werden von 18 Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet. Geleitet wird die Schule von den Blue Nuns, einem katholischen Orden mit Hauptsitz in Polen. Ein kleines Kloster befindet sich neben dem Schulgelände, in dem 40 (?) Schwestern wohnen.
Die Schuldirektorin, Sister Angela, ihre Stellvertreterin, Sister Pauline, und Vertrauenslehrer, Mr. Banda, empfangen uns zum Gespräch. Winnie, die schon mehrmals mit den Schwestern über unser Förderprojekt gesprochen hatte, stellt uns vor. Danach schildert Sister Angela die Situation der Schule, sie habe einen sehr guten Ruf, stehe in der Ausbildung an vorderster Stelle und habe sehr gute Absolventinnen. Sie überreicht uns eine Liste mit Namen von Schülerinnen, die Stipendien brauchen – es ist fast die Hälfte. Wir bitten, unsere kurzen Fragebögen an bedürftige Mädchen zu verteilen. (An jeder Schule geben wir 30 Fragebögen aus und sammeln sie, bevor wir abfahren, ein).
„You are the light of the world“, steht fast überall auf den Wänden, „let your light shine!”. Du bist das Licht der Welt, lass dein Licht scheinen, werden die Mädchen ermutigt.

Alle Mädchen machen beim Sportfest mit

Anschließend machen wir einen Rundgang durch die Schule. Heute findet das jährliche Schulsportfest statt, deshalb sind die Mädchen draußen. Anfeuernde Rufe, Musik, Singen, Tanz, Trommeln, Lachen dringen zu uns herüber vom trockenen erdigen Sportplatz. Einmal queren ein paar Kühe gemächlich das Areal.

Die Schule besteht aus mehreren flachen langgestreckten Gebäuden mit Klassenzimmern, Schlafsälen, Speisesaal und Küche, Krankenstation, extra liegen die Bibliothek, das Haus mit Lehrerzimmer und Büro sowie die Sanitärräume. Da Kasisi die erste Schule auf unserem Programm ist, können wir den Standard noch nicht wirklich abschätzen, da wir noch keinen Vergleich haben. Obwohl außen alles ordentlich wirkt, erschrecke ich über den offensichtlichen Mangel, der überall in den Räumen herrscht: Farbe blättert von den Wänden, seit Jahren wurde nichts mehr gestrichen, die Klassenzimmer dürftigst ausgestattet, schäbige Tische, allerdings scheinen die Stühle vor einiger Zeit erneuert worden zu sein; Toiletten und Duschen nach unseren Maßstäben unsäglich; dann die Schlafsäle, erbärmlich (sie werden noch zu den besseren zählen am Ende unserer Schultour), Bett an Bett dicht gedrängt, die Habseligkeiten in einem kleinen Spind, in ringsum gestapelten Koffern, kein Platz für eigene Bedürfnisse, keine Rückzugsmöglichkeit; „Wohlstand“ drückt sich darin aus, ob jemand Decke, Seife, Creme und Zahnpasta besitzt; kaum jemand hat ein Moskitonetz.

Spiegel, Kamm, Creme und mehr - hier schläft eine „reiche“ Schülerin

Die kleine Krankenstation mit einer eigenen Krankenschwester hält die nötigsten Medikamente gegen Malaria, Durchfall, Pilzinfektionen, Wurmbefall und Schmerzen vor, einen Wasseranschluss gibt es nicht, an der Wand warnt ein Plakat vor HIV/Aids. Olaf fragt nach ärztlicher Versorgung und Medikamenten – bei ernsthafteren Krankheitsfällen muss Hilfe in Lusaka geholt werden.

Es gibt drei Mahlzeiten am Tag mit Nshima (fester Maisbrei) oder Reis, dazu meist Soße, Kraut, ab und zu Fisch oder Hühnchen. Gegessen wird im Speisesaal (Aula) mit Fernsehapparat und Abendmahlsdarstellung; daneben die neue Küche (die alte wird bei Stromausfall eingesetzt). Die kleine Bibliothek und der Computerraum mit ausgedienten gespendeten Geräten lassen uns hoffen – allerdings erwähnt die Schulleiterin den Mangel an Unterrichtsmaterial und häufige Probleme mit der Wasserversorgung.

Taonga geht in die 12. Klasse und müsste die Schule verlassen

Nach dem Rundgang treffen wir sechs der sieben von uns geförderten Schülerinnen, machen Fotos, kleine Interviews auf Kassetten, führen persönliche Gespräche. Obwohl wir nur eine weitere Schülerin aufnehmen wollen, werden es zwei sein, Dorcas (8. Klasse) und Taonga (12. Klasse), die beide die Schule wegen nicht gezahlter Gebühren verlassen müßten. Während des ganzen Besuchs fotografieren Silvia und Olaf, filmt Longa mit der Videokamera, führen wir Gespräche mit Schulleiterin und Lehrern. Am Ende bedanken sich die Stipendiatinnen mit einer bewegenden kleinen Ansprache und einem Blumenstrauß.

Unsere ersten Stipendiantinnen bedanken sich

(Immer wieder muss ich während des Besuchs die Sonnenbrille aufsetzen, um meine Emotionen halbwegs zu verbergen.) Wir geben die mitgebrachten Sachspenden (Decken, Seifen, Zahnpasta, Vaseline, Waschmittel, Binden) für „unsere“ Mädchen an Sister Angela.

In Kasisi Girls fördern wir nun 9 Mädchen: Martha, Jessy, Dorothy, Taonga (12. Klasse); Melise, Suwilanji (11. Klasse); Nyiko, Tina (10. Klasse); Dorcas (8. Klasse).

Wir übergeben Decken, Seifen, Zahnpasta und andere Hygieneartikel für unsere Mädchen

Es war vorgesehen, anschließend die Großmutter einer der Schülerinnen zu besuchen, beispielhaft für die vielen Großmütter in Sambia, die die verwaisten Enkel versorgen. Das Mädchen fehlte, und wir erfuhren später, dass die Großmutter erkrankt war, nach Lusaka in ein Krankenhaus musste, von der Enkelin begleitet wurde, das Mädchen nicht in die Schule zurückkehrte, nicht auffindbar war.
(In anderen Schulen trafen wir auf drei dieser Großmütter.)

Kasisi Children´s Home - Waisenhaus

Die Nonnen bereiten für uns ein kleines Essen vor, das wir im Schulhof unter einem uralten Baum einnehmen. Da wir nachmittags noch Zeit haben, gehen wir über die Straße zum Kasisi Children´s Home, dem Waisenhaus, in dem etwa 280 Kinder leben. Die Leiterin, Schwester Mariola aus Polen, empfängt uns. Es gibt eine Abteilung für aidskranke Kinder, die von den gesunden Waisenkindern streng getrennt ist. Alles ist sauber und liebevoll eingerichtet. Schwestern und Pflegerinnen kümmern sich mütterlich. Schwester Mariola, eine freundliche fröhliche Frau, sagt, sie wähle die Mitarbeiterinnen weniger nach Zeugnisnoten als nach ihrer mütterlichen Zuwendung zu den Kindern aus. Das ist im ganzen Haus zu spüren. Unter den aidskranken Kindern sind einige sehr munter und spielen, kommen erwartungsvoll auf uns zu, wollen auf den Arm genommen werden.

Longa lässt aidskranke Kinder durch die Kamera schauen

Andere sind schwer krank und liegen nur noch im Bettchen. Die medizinische Versorgung ist aufgrund fehlender Gelder sehr gering. Olaf lässt sich die spärliche Medikamentenausstattung zeigen. Dr. Maede versucht so gut wie möglich zu helfen.

Die Abteilung mit Gesunden ist nach Altersgruppen unterteilt von 0 bis sechs Jahren. Bei unserem Rundgang laufen viele auf uns zu und wollen spielen, gestreichelt, hochgenommen werden.

Streng getrennt von aidskranken Kindern sind hier gesunde, die uns beim Weggehen nachschauen

In einem Gang des Waisenhauses hängt ein blauer Wandbehang mit den Namen von verstorbenen Kindern.Es gibt Räume für Schulmädchen, Lernzimmer, Schlafräume. Neu ist ein Extrahaus für Jungen, ehemalige Straßenkinder. Die älteren Schüler und Schülerinnen werden auf Boarding Schools geschickt (z.B. gegenüber in die Kasisi Girl´s). Das Kasisi Waisenhaus hat eine Reihe von Sponsoren, die für Gebäude und Einrichtung spenden. Trotzdem wird Hilfe gebraucht, besonders im personellen Bereich: Kinderschwestern, Krankenschwestern, Sozialarbeiterinnen sind als freiwillige Helferinnen für einen Zeitraum von drei Monaten (sog. Volonteers) dringend zur Unterstützung nötig. (Darüber möchte ich zuhause u.a. mit dem Klinikum Ingolstadt sprechen.)

Samstag, 9. Juni 2007 – Kafue – abends bei Winnie und Longa

Kafue Secondary School für Jungen

Um 10 Uhr sind wir (Winnie, Longa, Silvia, Olaf und ich) in der rund 40 km von Lusaka entfernten Kafue Secondary School, Internat und Tagesschule für Jungen, angemeldet. Vertrauenslehrer Mr. Abel Kamwanga, die für das Internat zuständigen Lehrer Mrs. Mutinta und Mr. Banda empfangen uns im Lehrerzimmer. Mr. Kamwanga hatte Winnie im Frühjahr auf ihrer Schultour auf der Strasse angehalten, um auf die desolate Lage von Aidswaisen in seiner Schule aufmerksam zu machen. Nun sind wir da, um fünf Schüler in unser Programm aufzunehmen, die Schule zu besichtigen, mit Lehrern und Schülern zu sprechen.
800 Schüler aus der Umgebung aber auch aus ganz Sambia besuchen die Schule. Von über 50 Jungen ist der Status als Aidswaisen (double oder single orphan) eindeutig bekannt, von vielen anderen aufgrund der eingestellten Zahlungen erhärtend vermutet. An dieser Schule wird ein Problem besonders deutlich: es gibt immer wieder Organisationen, die Schulgebühren übernehmen – aber nur zeitlich begrenzt, manchmal nur für ein Trimester (ein Schuljahr hat drei Trimester!). Zur Zeit gibt es keine Stipendien. Deshalb ist unsere Hilfe umso nötiger. Eine genaue Zahl aller Bedürftigen kann nicht genannt werden, weil der Aidstod von Vater und Mutter stigmatisiert und die wahre Situation von Schülern oft verschleiert wird, bis sie eines Tages wegen Geldmangel wegbleiben.

Mrs. Mutinta, selbst Witwe mit zwei Kindern, hat zwei Aidswaisen bei sich zu Hause aufgenommen. Eins der vielen Beispiele des Engagements aus der Lehrerschaft.

Winnie, Gerda, Mr. Banda mit Aidsschleife und Mrs. Mutinta, die zwei Jungen aufgenommen hat

Sie erzählt über die Gespräche mit Aidswaisen in der Schule: Die Buben sind mental und psychisch angeschlagen, oft nicht so leistungsfähig im Unterricht. Nach dem Tod der Eltern sind viele in den Familien, wo sie untergebracht waren, als Arbeitskräfte missbraucht worden, ohne jegliche Zuwendung. Wenn sie überhaupt davon erzählen, hält man die traurigen Geschichten kaum aus. Jetzt an der Schule fühlen sie sich im Gegensatz zu ihren schlechten Erfahrungen geborgen und angenommen. Die Ferienmonate sind für diese Jugendlichen eine Tortur, denn sie müssen an diese Orte zurück, weil die Schule geschlossen ist.
Winnie fragt nach, wie schwierig es war, aus den mindestens 50 betroffenen fünf für unsere Förderung auszuwählen. Mrs. Mutinta sagt, dass diese unter den Fällen die Dringlichsten seien. Für die anderen erhoffe man sich später Hilfe, wenn der HBCAA mehr Mittel habe, aber man werde auch wieder andere Organisationen ansprechen.

Die Schule hat keine eigene Krankenstation aber gleich nebenan steht das Kafue Mission Rural Health Centre, das den gesamten District mit etwa 11000 Einwohnern versorgt, nur mit Krankenschwestern, kein Arzt. Im Notfall gibt es in der Stadt Kafue einen einzigen Krankenwagen per Radiofunk für etwa acht solcher „Gesundheitszentren“. Olaf unterhält sich länger mit der diensthabenden Schwester und lässt sich die Medikamente zeigen. Hier und an der Schule gibt es überall Hinweise auf HIV/Aids. Lehrer Mr. Banda trägt ein T-shirt mit Aidsschleife und dem Text: With HIV/Aids you can´t say we have heard enough“. (Was HIV/Aids angeht, kann keiner sagen, man hätte genug darüber gehört.)

Auf dem Rundgang durch das Schulgelände und die Gebäude sehen wir, dass seit vielen Jahren nichts investiert, nichts repariert oder erneuert wurde. Auf Gelder aus Lusaka wartet man schon lange. Viele Fenster der Klassenzimmer haben zerbrochene Scheiben, die meisten Schultische und Bänke müssten ersetzt, die Wände gestrichen, die Fußböden geglättet werden.

Zerbrochene Fensterscheiben in den Klassenzimmern

Toiletten und Duschen wollen wir Frauen gar nicht anschauen. Erfreulich ist der Bestand in der Schulbibliothek, wenn auch Raum und Mobiliar mehr als renovierungsbedürftig sind. An den Physik- und Chemiesälen wird die technisch naturwissenschaftliche Ausrichtung deutlich, immerhin ist hier Unterrichtsmaterial vorhanden. Wir gehen zum Speisesaal, der für über 700 Internatsschüler zu klein ist, die Jungen deshalb an maroden Tischen dicht gedrängt im Stehen essen müssen.

Speisesaal mit maroden Tischen und ohne Sitzmöglichkeit

In der ramponierten Küche sind nur die elektrischen Bottiche für Nshima einigermaßen sauber zu halten. Draußen am offenen Ofen werden gerade große Portionen Fisch in tiefen Pötten in Öl gebraten.

Heute ist Samstag, keine Schule, einige Buben waschen ihre Kleidung in Plastikeimern vor dem Schlafsaal, andere spielen mit einem selbstgebastelten Fußball, die meisten sitzen in der Aula oder Freizeithalle auf Bänken und sehen einen Fernsehfilm (weiter hinten erkennt man fast nichts mehr auf dem Fernseher), rückwärtig spielen welche Billard oder sitzen einfach rum.

Jungen machen große Wäsche
Heute ist Samstag - die Jungen
dürfen Fernsehen


Wir widmen uns nun den Neuaufnahmen, fünf Jungen (zwei 8. Klasse, einer 9. Klasse, zwei 10. Klasse). Winnie befragt erst mal jeden in Einzelgesprächen nach seiner Situation, sehr einfühlsam, sehr intensiv und bestätigt danach die Bedürftigkeit. Alle werden fotografiert und kurz mit dem Recorder interviewt. Wieder geben wir 30 Fragebögen an die Schule für unsere kleine Erhebung.

In Kafue Boys fördern wir nun 5 Jungen: Changa, Besa (8. Klasse); Wilfred (9. Klasse); Bismark, Saviour (10. Klasse).

Abends sind wir bei Winnie und Longa zuhause eingeladen. Winnie zaubert in der Küche nach diesem anstrengenden Tag ein Abendessen, will keine Hilfe, sagt, beim Kochen schalte sie ab. Zu Besuch kommen zwei ihrer Brüder (Stedian Natala sieht aus wie der Vater Luke Chaabwe und wohnt nebenan, Sidney Natala ist leitender Mitarbeiter in einer Nickelmine südlich von Kafue) und ein Neffe, Leon, der uns zu den anderen Schulen begleiten wird. Später kommt noch Joseph Weltin vorbei, Vorstandsmitglied bei HBCAA, deutscher Geschäftsmann, der schon seit über 25 Jahren in Sambia lebt. Hauptgesprächsthema des Abends ist unsere Schulbildung für Aidswaisen. Joseph, der selbst ein Ausbildungsprojekt fördert, meint, es sei sehr sinnvoll in Sambia Schulen im ländlichen Bereich zu unterstützen, deshalb mache er auch mit. Zurück im Hotel falle ich müde ins Bett. Tagebuchschreiben muss ausfallen.

Sonntag, 10. Juni 2007 – Fahrt nach Monze

Alle dürfen ausschlafen, ausgiebig frühstücken. Ich schreibe sogar ein paar Zeilen ins Tagebuch: „ ... die Zeit vergeht so intensiv, dass ich meine, schon ewig hier zu sein. An jedem Tag ist das Programm so dicht, dass nur in der Früh und manchmal abends Denkpausen sind. Der Ablauf steht im Extraheft für die Notizen bei den Schulbesuchen. Ich kann nicht genug betonen, welch hervorragende Arbeit Winnie hier macht und sie wird voll unterstützt von Longa, der uns die letzten Tage begleitet und gefahren hat. Winnie hat für unsere Tour Urlaub vom Ministerium genommen, beide stellen ihr Auto, einen Range Rover, zur Verfügung, ohne den wir die Fahrten weit in den Busch hinein kaum bewältigen könnten. Olaf, Silvia und ich sind ein gutes Team. Jeder hat seine kleinen Aufgabenbereiche. Wir ergänzen uns sehr, reden viel, schweigen wenn einer müde ist, trinken abends zum Abspannen ein sambisches Mosi (Bier). Und Winnie – wir verstehen uns blendend – haben die gleichen Ziele, mit ihr kann man so unbeschwert lachen ...“

Vormittags fährt Longa mit uns zu einem Supermarktzentrum in Lusaka mit traditionellem Markt: Stoffe, Masken, Schnitzereien, Schmuck, Kleidung und vieles mehr. Wir brauchen doch ein paar Mitbringsel und handeln und kaufen und sprechen mit den Händlern, die uns freundlich animieren.

Longa begleitet uns beim Kauf von Souveniers

Schließlich fahren wir mit ein paar Geschenken (wir wissen nicht, wann wir wieder so viel Freizeit haben werden) zu Longas Haus. Winnie hat schon eine Kleinigkeit zu essen vorbereitet, ihr Neffe Leon Natala, der uns die nächsten Tage begleiten wird, kommt um drei, dann fahren wir (Winnie, Olaf, Silvia, Leon und ich) in Richtung Monze auf der einzigen Hauptstrasse nach Süden. Longa muss sich wieder seiner eigenen Arbeit widmen, dem Aufbau eines medizinischen Labors in Lusaka.

Etwa drei Stunden veranschlagt Winnie für die Fahrt von circa 180 km über Kafue, Mazabuka, Magoye, Tambero nach Monze zur Southern Comfort Lodge, von der aus wir täglich unsere Partnerschulen besuchen, wieder pro Tag eine Schule. Grundregel in Afrika ist, nur bei Tageslicht übers Land zu fahren – alles andere kann tödlicher Leichtsinn sein. Auf der Fahrt genießen wir die Landschaft, Hügel und Täler des Kafueflusses, beobachten die Menschen, die am Straßenrand gehen oder mit dem Fahrrad fahren, die kleinen Verkaufsstände mit Holzkohle oder Tomaten und Kürbissen, die nahe gelegenen Dörfer, immer wieder weiden Ziegen und Kühe am Straßenrand. Und dann donnert uns wieder ein Schwerlaster entgegen.

Schwerlastverkehr auf der schlaglochübersäten Nord-Süd-Route

Die streckenweise mit Schlaglöchern übersäte Great North oder Great South Road ist die einzige Nord-Südverbindung vom Kupfergürtel im Norden Sambias bis Johannesburg in Südafrika. Daneben verläuft zwar auch die eingleisige Eisenbahnstrecke, aber wir sehen nur einmal einen Personenzug am Nachmittag.
Vor Sonnenuntergang kommen wir im kleinen Hotel an und treffen auf Mrs. Chongola, die uns zu den Schulen begleiten möchte.

Montag, 11. Juni 2007 – St. Joseph´s Secondary School für Mädchen bei Chivuna

über eine Stunde fahren wir auf der Staubstrasse im Slalom, um die größten Unebenheiten zu vermeiden. Die Strasse ist durch die letzte Regenzeit bis April noch mehr ausgewaschen worden, sie soll einmal geteert gewesen sein. Winnie kennt den Weg noch aus ihrer Schulzeit, als sie in die St. Joseph´s ging. Felina ist eine Schulkameradin von ihr.
Wir sind etwas zu früh angekommen, das Schulgelände beim Haupthaus ist sogar begrünt, es wirkt freundlich. Die Lehrerschaft hat gerade ein Krisentreffen wegen der ausgefallenen Wasserversorgung (es wird zur Zeit ein Dusch- und Toilettenraum renoviert).

Dann empfangen uns die stellvertretenden Schulleiter Mr. Mudenda und Sister Charity Bbalo und Vertrauenslehrer Mr. Mwansa. Wir sitzen um einen dunkelpolierten Tisch, der sicher noch aus den Anfangszeiten der Missionsschule stammt. Mr. Mudenda erklärt uns die Situation der bedürftigen Schülerinnen. Von den 756 Mädchen (695 im Internat, 61 Tagesschülerinnen) gelten etwa ein Viertel als vulnerable (d.h. gefährdet im Sinne, dass sie bald ihre Eltern durch Aids verlieren werden), 60 Mädchen sind Voll- oder Halbwaisen. Für viele wurden Sponsoren wie wir gefunden, für diejenigen, die in Kürze das gleiche Schicksal erleiden, muss wieder Hilfe gesucht werden.

Mr. Mudenda und Sister Charity sagen, dass Aidswaisen nicht über ihre fatale Situation sprechen

Auf Nachfrage erklären unsere Gesprächspartner, dass die Mädchen nur über ihre schwere Situation als Aidswaisen sprechen, wenn es gar keinen Ausweg mehr gibt, und sie wegen der nicht gezahlten Schulgelder die Schule verlassen müssten. Der Aidstod der Eltern wird nicht mal besten Freundinnen erzählt. Obwohl es an der Schule einen Anti-Aidsclub gibt, spricht kaum eine über die eigene Lage. Am Verwaltungsgebäude sehen wir eine Infotafel mit Namenslisten von Schülerinnen, die beim Finanzverwalter vorsprechen sollen – die Schulgebühren wurden noch nicht bezahlt.

Öffentliche Liste von Schülerinnen, die noch keine Schulgebühren bezahlt haben

Wie wichtig unsere persönliche Betreuung der Stipendiaten ist, wird an dieser Schule besonders deutlich. Hier fördern wir seit Januar sechs Schülerinnen. Im Mai nahm die Schulleitung zwei aus unserem Programm heraus, übergab sie anderen Organisationen, dafür kamen zwei andere zu uns. Durch Winnies Einzelgespräche heute mit den Schülerinnen, stellt sich zudem heraus, dass eine keine Förderung mehr braucht. Wir machen der Schule deutlich, dass jede Änderung mit uns abgesprochen werden muss.

Jetzt fördern wir in St. Joseph´s 7 Mädchen: Martha, Joy, Ceasor (12. Klasse), Diana, Cecilia (11. Klasse), Matabele (10. Klasse), Mweene (9. Klasse).

Beim Rundgang geht Sister Charity mit uns in einige Klassenzimmer, wo gerade unterrichtet wird, sie stellt uns kurz vor und wir grüßen die Mädchen, die uns freundlich anlächeln. An der Schule unterrichten 35 Lehrer und Lehrerinnen. Hier spürt man die Freude am Lernen, die Freude, dass man die Chance hat, in die Schule zu gehen. Alle hier scheinen zu wissen, dass das nicht selbstverständlich ist.

Lernen zu dürfen, ist in Sambia ein Privileg

Die Klassenzimmer sind relativ gut ausgestattet, die Vorratskammern im Küchenbereich gefüllt, Küche und Speisesaal in gutem Zustand, Schlafsäle und Sanitärräume dazu in krassem Gegensatz. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die Schule nicht für fast 700 Mädchen ausgelegt war, in den Schlafsälen die Betten dicht an dicht stehen, sogar noch zusätzlich Räume belegt sind, die früher als Freizeit- und Aufenthaltsräume genutzt waren. Auch hier gibt es Jugendliche, die keine Matratze oder Decke haben.

Schlafen ohne Matratze

Winnie betrachtet ihre ehemalige Schule mit Wehmut. Auch hier wären Renovierung und Neuanschaffungen dringend nötig. Im Treppenhaus des Schlaftraktes stehen neue Toilettenschüsseln zum Einbau im Sanitärgebäude, eine erste Maßnahme.

An dieser Schule gibt es Hauswirtschaftsunterricht und einige Mädchen bereiten ein Essen mit Reis, Nshima und Gemüse für uns vor. Wir genießen die Einladung und bedanken uns herzlich bei Schülerinnen und Lehrern für die Erfrischung. Danach folgen wieder die Interviews mit den einzelnen Schülerinnen, die Fotos für unsere Dokumentation.

Besuch bei Großmutter

Die Großmutter von Mweene braucht sich nicht mehr um das Schulgeld zu sorgen

Auf dem Rückweg nehmen wir unsere neue Stipendiatin, die Vollwaise Mweene T., mit, die bei ihrer Großmutter lebt. Skeptisch blickt die alte Frau auf die Fremden, die mit ihrer Enkelin im großen Auto ankommen. Sie weiß nicht, was dieser Besuch bedeutet, bis Mweene ihr erzählt, dass ihr Schulgeld bezahlt wird, sie die Schule nicht verlassen muss. Immer wieder spricht die Großmutter die gleichen Sätze auf Tonga. Sie sagt, ein Wunder sei geschehen, sie danke Gott, übersetzt Winnie. Ich sage, dass ich größte Achtung vor den Großmüttern habe, die selbst keine Schule besuchten, aber ihren Enkelinnen eine Ausbildung ermöglichen. Wie viele hat auch diese Großmutter dafür Essensvorräte und Strohbündel verkauft, solange es ging. Wir übergeben ihr Tüten mit Zucker, Öll, Seife und anderen Dingen, die wir für solche Fälle im Auto dabei haben.

Dienstag, 12. Juni 2007 – Rusangu Secondary School für Jungen und Mädchen

Rusangu ist ein kleiner Ort zwischen Monze und Chisekesi. Die Schule liegt, wie fast alle Boardingschools, abgelegen ein paar Kilometer entfernt. Für Schüler und Schülerinnen gibt es keine Abwechslung, keine Ablenkung vom Schulalltag.

Als wir ankommen und auf Mitglieder der Schulleitung warten, trifft eine Großmutter ein, die das geschuldete Schulgeld für einen Enkel abgeben will. Sie hat eine lange Busfahrt auf sich genommen und ist froh, das Geld durch Verkäufe zusammengebracht zu haben. Insgesamt sorgt sie für sieben Enkelkinder, wie es scheint, auch für einen blinden Jungen, der sie zusammen mit ihrem Enkel begrüßt. In dieser Schule gibt es Unterricht für Blinde (leider können wir nicht weiter nachfragen).

Auch die Rusangu Secondary School geht, wie die meisten, aus einer Missionsschule zu Kolonialzeiten hervor. Ihr Ziel ist die „Bildung von Hand, Herz und Verstand“ – so am Eingang zu lesen. Von der Schulleitung treffen wir Mr. Simoonga, Mr. Mumunga, Mr. Murna und die Hausmutter, Mrs. Paraza, und andere. An der Schule unterrichten 36 Lehrkräfte insgesamt 920 Schülerinnen und Schüler, 830 leben im Internat, 90 sind Tagesschüler aus der Umgebung.

Schulgelände in der Mittagspause

Etwa 100 Jugendliche fallen unter die Kategorie Double Orphan, Single Orphan, Vulnerable (Voll-, Halbwaise, Gefährdet) und erst kürzlich wieder mussten Schüler heimgeschickt werden, weil längere Zeit kein Schulgeld bezahlt wurde. Mr. Simoonga betont, dass die Schule versucht, die Kinder so lange wie möglich zu halten, aber sie kommen aus dem Teufelskreis Armut (kein Schulgeld, keine Bücher, keine Schulkleidung, kein Examen am Schuljahrsende) nicht mehr raus. Die nötigsten Dinge wie Seife, Zahnpasta und anderes werden oft von Mitschülern erbettelt oder geteilt.

Die Situation in den Schulferien (Mai, August, Dezember) ist für viele eine weitere Belastung: die Schule ist geschlossen, es gibt keine Verpflegung, manche Schüler bleiben trotzdem und versuchen Geld zu verdienen, manche kommen bei Lehrkräften der Schule unter, die für sie sorgen, manche gehen zu Verwandten, wo sie oft schlecht behandelt werden. Die Schule ist für die meisten noch der beste Ort.

In Rusangu Secondary School fördern wir nun 9 Internatsschüler/innen: Lontia, Paulinje, Jeanicah, Trust (12. Klasse), Joyce, Hambelele (11. Klasse), Peggy, Iven, Kabotu (10. Klasse);
und 11 Tagesschülerinnen der 10. und 11. Klassen ( Catherine, Lucia, Astridah, Sangster, Universe, Doris, Ivon, Mooba und drei, deren Namen ich nachfragen muß).

Auf dem Rundgang durch Gelände und Gebäude stellen wir schnell fest, dass es hier an fast allem mangelt, besonders die Schulmöbel erinnern eher an Sperrmüll, Stühle ohne Rücklehne, vergammelte Tische, abgebrochene Kanten, uralte verbrauchte Bettgestelle in den Schlafsälen, fast niemand besitzt ein Moskitonetz. Küche und Speisesaal wirken nicht unbedingt einladend. Von der Regierung bekam die Schule zwar einen Zuschuss von sieben Millionen Kwacha, das sind 1400 Euro (!), was gerade für kleine Reparaturen reicht.

Kein Geld für dringend erforderliche Schulmöbel

Im Krankheitsfall kümmert sich ein Angestellter der Schule, Mr. Mulima, mit einer kleinen Hausapotheke um die Schülerinnen und Schüler. Das Thema Aids/HIV wird auch an dieser Schule thematisiert. An der Schuleinfahrt ein großes Schild: Aids is real – let us fight together – through abstinence (Aids ist Wirklichkeit – lasst uns zusammen dagegen kämpfen – durch Enthaltsamkeit). Olaf, der selber Arzt ist, fragt hier immer intensiv nach (siehe auch: Reisebericht Dr. Olaf Büttner).

Viel Zeit verbringen wir hier mit der Aufnahme der neuen Schülerinnen und Schüler. Die Schule bittet uns, zu den 4 neuen Internen noch Tagesschülerinnen aus den Nachmittagsklassen aufzunehmen, die dringend Hilfe brauchen. Winnie und ich rechnen schnell unser Budget durch und beschließen, diese Mädchen aus dem Betrag von Zonta zu sponsern. (8 Mädchen sind anwesend, 3 fehlen an diesem Tag.)

Winnie spricht unseren neu aufgenommenen Stipendiaten Mut zu

Wir bringen Seife, Zahnpasta,
Schulhefte, Decken, Bettwäsche
und andere nötige Dinge mit

Besuch bei einer Großmutter

Auf dem Rückweg nehmen wir zwei der Mädchen mit dem Auto mit ins Dorf, sie leben bei ihren Großmüttern zusammen mit Geschwistern, Tanten (die meisten verwitwet) und deren Kindern. Bei der ersten Großmutter halten wir an und setzen die Mädchen ab. Gleich werden wir freundlich gebeten, etwas zu bleiben. Die Enkelin, die seit der Aufnahme in unsere Förderung nur noch strahlt, berichtet der Großmutter von ihrem Glück. Hier treffen wir auf einen größeren Familienverband, der diese Großmutter nicht so traurig und einsam erscheinen lässt wie die bei St. Joseph´s.

Die Großmutter unserer Neuen ist überglücklich, dass das Mädchen weiter zur Schule gehen kann

Winnie und ich sitzen auf niedrigen Hockern neben ihr und lassen uns ein bisschen erzählen. Sie sei nun zu alt, im Busch draußen das Gras zu schneiden und zu verkaufen, um Geld für die Schule zu verdienen; für fünf Enkel muß sie sorgen. Und die Töchter, die um sie herum sind, fragen wir. Die haben für die eigenen und weitere Verwandte zu sorgen. Sie nimmt das Tuch vom Kopf und zeigt uns ihr weißes Haar, worauf ich ein paar Haarsträhnen von meinem Kopf zurückstreife, um ihr zu zeigen, dass die auch schon ganz grau sind. Wir lachen und alle um uns herum lachen. Dann steht die alte Frau auf und beginnt zu tanzen und zu lachen. Sie ist uns für die Hilfe so dankbar.

Es wird Zeit, dass wir zum Motel in Monze zurückfahren, bevor die Sonne untergeht. Es war wieder ein anstrengender Tag, die vielen Einzelschicksale der aufgenommenen Jugendlichen gehen uns nach, ebenso diejenigen, denen wir nicht helfen konnten. Beim Abendessen sprechen wir über leichteres und können auch wieder miteinander lachen. Mein Tagebuch bleibt leer, der nächste Tag muss vorbereitet werden.

Mittwoch, 13. Juni 2007 – Canisius Secondary School für Jungen

Gut dass jetzt Trockenzeit ist. Die wellige kurvige Staubstrasse führt durch ein kleines Flusstal mit einer schmalen Betonbrücke ohne Geländer, die, wie Winnie erzählt, in der Regenzeit völlig überflutet ist. Wer sich nicht auskennt, landet schnell im Flussbett. Als sie im Frühjahr zur Canisius Schule fuhr, fand sie nur mit Hilfe von Frauen, die auf der Strasse unterwegs waren, die richtige Spur. Heute fahren wir von Monze über Chisekesi östlich in Richtung Chikuni, wo 1905 Jesuiten eine Missionsstation errichteten. 1949 gründeten sie die Canisius Secondary School für Jungen und Mädchen. Seit 1992 gehen die Mädchen in die neue Chikuni Girls High School. (Ich überlege, ob wir beim nächsten Sambiabesuch mit dieser Schule Kontakt aufnehmen.)

Mr. B. C. Himpyali, der schon seit 12 Jahren Direktor der Schule ist, empfängt uns und schildert die Situation: 720 Jungen besuchen die Schule, 460 im Internat, 260 als Tagesschüler; etwa 200 bräuchten finanzielle Unterstützung. Die einen, weil ihre Familien schlicht und einfach bettelarm sind, die anderen, weil Vater oder Mutter oder beide Eltern gestorben sind. Der Schulleiter erklärt, dass die früher starken Familienverbände immer schwächer werden. War es in seiner Jugend normal, dass die Großfamilie beim Schulbesuch der Kinder zusammenhalf, so stimmt das für die jetzige Schülergeneration nicht mehr. Die Eltern können heute im Bestfall für die eigenen Kinder sorgen, aber nicht noch für fünf und mehr Aidswaisen aus der Verwandtschaft. Etwa die Hälfte der 200 bedürftigen Schüler erhält bereits Stipendien von Organisationen aus der Schweiz und Kanada.

Schulleiter, Mr. Himpyali, erzieht seine Jungen zur Selbstständigkeit

Für unsere Hilfe ist die Schule sehr dankbar, vor allem, da wir die Förderung jedes einzelnen bis zum Schulabschluss gewähren. Das gibt den Schülern Sicherheit und Motivation. Seit sich der Jesuitenorden weitgehend aus der Schule zurückgezogen hat, bekommt sie insgesamt sehr viel weniger Mittel als früher. Für seine Schüler sind Sponsoren wie wir wie das Manna, das vom Himmel fällt, nur in geistiger Hinsicht, das sage er ihnen immer wieder. Wir ersetzen sozusagen die Rolle der weiteren Familie, die vor HIV/Aids der Halt der Gesellschaft und besonders der Jugend war. Trotzdem fordert der Schulleiter von den Jugendlichen, auch selbst einen kleinen Beitrag zu den Schulgebühren zu leisten und Hilfe nicht als Selbstverständlichkeit zu betrachten. Sie sollen dazu erzogen werden, einmal für sich selbst zu sorgen.

Diese Schule ist für uns nach all der Armseligkeit und dem Mangel am Nötigsten ein Lichtblick. Gleich am Eingang des Hauptgebäudes eine dichtbeschriebene Tafel mit den wichtigsten Nachrichten des Tages, zusammengestellt von je zwei Schülern. Viele Gebäude sind vor ein paar Jahren erneuert oder renoviert worden, blaugetönte Dächer, gelbgestrichene Tragkonstruktionen für Säulengänge harmonieren mit roten Ziegelwänden und -säulen, in den Höfen zwischen den Klassenzimmern grünt bewässerter Rasen, an einigen Stellen fegen Jungen Laub und Abfall von den trockenen erdigen Wegen. In vielen Klassenzimmern sind die Wände gestrichen, die Schulmöbel erneuert, die Fenster in Ordnung.

Gepflegtes Schulgelände und gut ausgestattete Klassenräume
 

Die Schlafräume sind nicht so dicht belegt, die Bettgestelle sollten allerdings durch neue ersetzt werden, immerhin hängen über einigen Betten Moskitonetze. Etwas neues sehen wir hier, viele Zwölftklässler sind in eigenen kleinen „Klausen“ untergebracht mit ein bisschen Privatsphäre.

40 Lehrer und Lehrerinnen sowie fünf Lehramtsstudenten unterrichten hier. Drei Priester und zwei Anwärter lehren ebenso noch an der Schule. Auf unsere Frage, warum gerade an dieser Schule die Zahl der Bedürftigen so hoch ist, lautet die Antwort, dass zur Zeit der Jesuiten eben viele arme Schüler unterstützt worden seien und nach dem Rückzug des Ordens diese Förderung nicht mehr stattfinde. (Ein Grund, in Ingolstadt mal mit der Canisius-Stiftung zu sprechen!) Wieder verbringen wir viel Zeit mit den Einzelgesprächen, Interviews, Fotografieren, um alle, besonders die Neuen, kennenzulernen. Nachdem die von uns mitgebrachten Schulhefte nicht ausreichen, geht Olaf zum Schulladen und kauft einen Stapel und verteilt die Hefte an die Neuen. Ein eigenes kleines Geschäft haben wir sonst nirgends gesehen. Es gibt auch eine Schülerzeitung.

Im Krankheitsfall ist das Chikuni Hospital nicht weit, das auch aus der Missionsstation hervorgegangen ist. In der Schule ist Aids/HIV wie überall ein Thema, Plakate des Bildungsministeriums werben dafür, sich Rat zu holen, sich testen zu lassen, Kondome zu benutzen und treu zu sein.

An der Canisius Secondary School fördern wir nun 8 Internatsschüler: Ismael, Gerald, Maambo, Prince, Kelly, Festus, Lawrence (alle 8. Klasse) und Paphic (10. Klasse);
6 Tagesschüler: Patrick, Hankalu, Twaambo, Geoffrey, Chrispine, Hamilimo (alle 10. Klasse).

Von gut 200 bedürftigen Schülern fördern wir jetzt 14 mit einem Stipendium

Beim Rundgang durch das Schulgelände sehen wir neben den üblichen Klassen- und Schlaftrakten, auch Wirtschaftsräume mit einer eigenen Maismühle – Bauern aus der Umgebung liefern gerade auf Schubkarren Säcke mit Maiskörnern an. Zwei geräumige freundliche Speisesäle, rot und blau gestrichen, werden für die drei Mahlzeiten am Tag genutzt (auch Tagesschüler bekommen ein Lunch). Dann besuchen wir noch die moderne katholische Kirche auf dem Schulgrundstück. Mich beeindruckt besonders der 14teilige Kreuzweg aus Ölbildern bei dem alle Beteiligten und auch Christus Afrikaner sind.

„Hier sind die Denksportler zuhause“ - Canisius will auch in Zukunft zu den besten Schulen gehören

Das Schulmotto ist im Sockel des Fahnenmastes festgehalten: Moniti Meliora Sequamur – Having been instructed we follow the better things (Wenn wir lernen, streben wir nach dem Besseren). Es wäre schlimm, wenn diese Schule durch fehlende Mittel in einiger Zeit ebenso verfällt wie einige andere, die wir besichtigt haben. Beim Abendessen im Motel fühlen wir uns etwas erleichtert, dass wir vom Schulbesuch nicht nur völlig deprimiert zurückkommen.

Donnerstag, 14. Juni 2007 – Monze Boarding High School

Die staatliche Schule liegt direkt am westlichen Stadtrand von Monze, sie wurde 1962 errichtet, kurz vor der Unabhängigkeit Sambias 1964. Bevor wir ins Schulgelände einbiegen, warnt ein großes Schild vor Aids: Remember HIV/Aids is real – be carefull with your life (Bedenke, HIV/Aids gibt es wirklich – gib acht auf dein Leben). Von den sechs Schulen, die wir besuchen, hat diese mit 1338 Jungen und Mädchen die meisten Schüler, scheint aber auch mit am schlechtesten ausgestattet zu sein. Hier unterrichten 52 Lehrer und Lehrerinnen.

Mrs. Mizinga, seit gut zwei Jahren Direktorin, gibt uns zu Beginn einen ausführlichen Überblick über die Situation ihrer Schule. Obwohl die Schule als Boarding School für Jungen angelegt war, gibt es jetzt zwei Bereiche: den regulären Unterricht für 718 Schüler (689 Jungen, die im Internat wohnen, und 29 Mädchen als Tagesschülerinnen) und den Nachmittagsunterricht für Tagesschüler (426 Jungen und 194 Mädchen). Alle Mädchen sind Tagesschülerinnen, da es an der Schule keine Unterbringungsmöglichkeit für sie gibt. Später werden wir den seit zwei Jahren im Bau befindlichen Schlaftrakt für Mädchen besichtigen, wobei die Fertigstellung aus Geldmangel immer wieder verschoben wird. Man hofft, dass das Gebäude nächstes Jahr bezugsfertig ist und endlich auch Mädchen als Internatsschülerinnen aufgenommen werden können, um vielen den weiten Fußweg zur Schule zu ersparen.

Schulleiterin Mrs. Mizinga wartet schon seit ein paar Jahren auf die Fertigstellung des Schlaftraktes für Mädchen
 




Hier, an der letzten Schule unseres Besuchsprogramms, scheinen alle Probleme noch mal geballt auf uns zu treffen. Die Zahl der Jugendlichen, die arm sind, und die Zahl der Aidswaisen ist sehr hoch und steigt sogar jedes Jahr. Genaue Daten will uns die Schulleiterin nach Rücksprache mit dem Finanzverwalter geben. Anhand der nicht mehr gezahlten Schulgelder lässt sich der Umfang ziemlich genau ablesen. Oft verpassen Schüler deswegen Trimester oder ein ganzes Schuljahr, manche kehren nach den Ferien gar nicht zurück, manche erst, wenn sie wieder Geld aufgebracht haben. Sambia hat zwar ein Sozialsystem, das früher in solchen Fällen eingesetzt hat, doch heute, bei der zusätzlich wachsenden Armut durch Aidserkrankungen und dem dramatischen Anstieg der Zahl von Waisenkindern, ist der Staat völlig überfordert. Er kann einfach nicht für alle aufkommen, sagt Mrs. Mizinga. Auch an der Monze Boarding School engagieren sich ab und zu Hilfsorganisationen, zahlen aber oft nur für ein Trimester.

Unsere Hilfe kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, erläutert die Direktorin und schildert, was die übernahme der Schulgebühren für die einzelnen bedeutet: Erst mal sind sie von der finanziellen Sorge und ständigen Unsicherheit befreit, sie können sich wieder voll auf die Schule konzentrieren, ihre Leistungen steigen spürbar, manche der Geförderten sind sogar unter den Klassenbesten. Unsere Unterstützung hilft jedem einzelnen aber damit auch der Schule insgesamt.

Die Schule versucht, die Kinder durch Querfinanzierungen zu halten, das heisst, die die zahlen können, zahlen für die Armen und Waisen mit, „sie ernähren die anderen“. Humanes Handeln ist oberstes Prinzip für Mrs. Mizinga, niemand wird weggeschickt – aber das ist eben auch eine riesige Bürde. Das Schulgeld, das die Schule noch einnimmt, kann daher nicht mehr für andere dringende Maßnahmen verwendet werden. Das ist in allen Bereichen der Schule zu sehen, es fehlt an allem, seit Jahren ist nichts mehr renoviert oder repariert worden. In diesem Jahr kam ein Zuschuss der Regierung, mit dem im Speisesaal und in Klassenzimmern kleine Verbesserungen getätigt werden können. Es gibt einen Elternbeirat, der zusammen mit der Lehrerschaft über die Verwendung der Gelder entscheidet. An dieser Schule ist die Wasserversorgung ein großes Problem.

Nur dreimal am Tag eine halbe Stunde lang frisches Wasser für über 1300 Schüler und Schülerinnen

Es existieren zwar vier Brunnen, intakt sind nur zwei, die aber nur dreimal am Tag je eine halbe Stunde Wasser liefern. Die sanitären Anlagen sind in entsprechendem Zustand.

Auf dem Schulgelände sehen wir zwar ein kleines Gebäude mit der Aufschrift School Clinic, es scheint aber verschlossen und ungenutzt zu sein. Vielleicht wird medizinische Versorgung in der Stadt geholt, die sogar zu Fuß erreichbar wäre.

Am sichtbarsten wird die Not der Schule in den Schlafräumen der Jungen.

Vorrat an Trinkwasser im Schlafsaal

An vielen Stellen ist die Deckenverkleidung heruntergebrochen, marode Tragebalken kommen zum Vorschein, teils von Termiten angefressen, darunter die ärmlichen zweistöckigen Bettgestelle, die zerbeulten Spinde für ein paar Habseligkeiten, auf einem brüchigen Tischchen liegt ein alter Karton, auf dem ein Damespielfeld aufgezeichnet ist, Spielfiguren sind zwei Typen Kronkorken, die graubraunen Wände sind mit Sprüchen, Bemerkungen und Skizzen übersät.

Die Deckenverkleidung fällt herunter

Einen großen Unterschied zwischen Zahlern und Nichtzahlern kann ich nicht mehr feststellen, mir scheint, der Unterschied liegt nur noch in arm und noch ärmer. Immerhin stellt die Schule Matratzen, was in vielen anderen Schulen nicht der Fall ist.

Die Küche und der Speisesaal sind in so schlechtem Zustand, dass ich es nur mit dem ständigen Wassermangel in Verbindung bringen kann. Die Direktorin hofft auf weitere Mittel des Bildungsministeriums, um sobald wie möglich renovieren zu können und vor allem die Wasserversorgung wieder instand zu setzen. Bei 1338 Schülern und Schülerinnen eine der dringendsten Maßnahmen.

Wir fördern in der Monze Highschool sechs Internatsschüler: Urgent, Cockson, Goodfellow, Doubt, Stanley (12. Klasse) und Brave (11. Klasse); spontan nehmen wir die besonders bedürftige behinderte Schülerin Choolwe auf, die die 10. Klasse besucht.

Stipendiaten füllen den Fragebogen aus, wo wir auch ihren Berufswunsch wissen wollen


In dieser Schule hätten wir gerne noch weitere Jugendliche aufgenommen, aber unsere Geldmittel für 2007 sind voll ausgeschöpft. Vielleicht können wir im nächsten Schuljahr ab Januar 2008, wenn fünf Schüler die 12. Klasse abgeschlossen haben, neue Stipendiaten fördern, vor allem Tagesschülerinnen. Vielleicht ist bis dahin auch die Unterkunft für Mädchen fertiggestellt, so dass wir auch Boarding-Schülerinnen unterstützen können.

Fazit aus den Schulbesuchen

Schulbildung für Aidswaisen in Sambia ist das Ziel des Hans Büttner – Chaabwe Fördervereins Deutschland e.V. und des Partnervereins Hans Buettner Chaabwe Academic Association Zambia. Von Anfang an war klar, dass wir mit bestehenden sambischen Schulen zusammenarbeiten und in der Anfangsphase älteren Schülern und Schülerinnen einen qualifizierten Schulabschluss ermöglichen wollen. Seit Januar 2007 übernehmen wir die Schulgebühren für besonders hilfsbedürftige Aidswaisen, deren Vater oder Mutter oder beide Eltern infolge von Aids gestorben sind, und für die niemand mehr das Schulgeld bezahlt. Im Schuljahr 2007 fördern wir 63 Mädchen und Jungen.

Da unsere Vereine noch jung und unsere Geldmittel gemessen an anderen Organisationen relativ gering sind, beginnt unser Förderprogramm in Secondary Schools mit Jugendlichen in 8. bis 12. Klassen. Wenn wir jemanden aufnehmen, garantieren wir die Bezahlung der Schulgebühren bis zum Schulabschluss, was bedeutet, dass wir ihn bis zu 5 Jahre begleiten. Das heißt auch, dass die Geldmittel über diese Jahre vorhanden sein müssen. Wir berechnen also sehr sorgfältig, wie viele Schüler und Schülerinnen wir in unser Programm aufnehmen können. Im Schuljahr 2007 haben wir 11 Stipendiaten in der 8. Klasse, 2 in der 9. Klasse, 24 in der 10. Klasse, 10 in der 11. Klasse und 16 in der 12. Klasse. Also schließen 16 im Dezember die Schule ab. Nun hängt es von unseren Finanzen für die nächsten Jahre ab, wie viele Schüler und Schülerinnen wir neu aufnehmen können.

Was unser Programm von allen anderen Hilfsorganisationen, die in Sambia tätig sind, unterscheidet, ist, dass wir bis zum Schulabschluss fördern und nicht nur für ein Trimester und danach die Kinder in Unsicherheit lassen. In unseren Gesprächen mit Lehrern und Schülern wurden wir immer wieder gefragt, wie lange wir die Unterstützung gewähren.

Was uns noch wesentlich unterscheidet von anderen Organisationen, ist der enge persönliche Kontakt zu Schulen und Schülerinnen und Schülern. Wir kennen jeden und jede einzeln und haben uns von der persönlichen Situation überzeugt. Die Schulen schlagen uns Hilfsbedürftige vor und wir verifizieren in langen Einzelgesprächen die Notlage. Dieses Vorgehen ist sehr aufwändig, mit viel Zeit und Engagement verbunden. Aber nur so können der deutsche und der sambische Verein den Nachweis über die korrekte Verwendung der Gelder erbringen. Zudem wird auf diese Weise ein gegenseitiges Vertrauen zwischen Schulen und Verein aufgebaut. Hier muss ich die hervorragende Arbeit von Winnie Chibesakunda, der Vorsitzenden unseres Partnervereins, herausstellen, die dieses Konzept erarbeitet und die Realisierung vorbereitet hat.

Unsere ersten sechs Partnerschulen liegen alle östlich (Kasisi) und südlich von Lusaka (Kafue, Chivuna, Monze, Rusangu, Cikuni) in der Southern Province. Die Wahl auf diese Gegend Sambias hat mit Luke Chaabwe Natala, dem Vater Winnies zu tun, der im Monze District als Lehrer tätig war. Außerdem sind diese Orte in einer Dreitagestour zur weiteren Betreuung erreichbar. Vorläufig werden wir unser Programm auf Schulen dieser Gegend beschränken, weil nur so ein persönlicher Kontakt gepflegt werden kann. Wie wir selbst auf unserer Tour erfahren haben, ist dieser Kontakt nur mit entsprechender Ausstattung vom Fahrzeug bis zur übernachtungsmöglichkeit zu leisten. Hier möchte ich auf unser Gespräch mit dem Deutschen Entwicklungsdienst in Lusaka hinweisen. (Ein Junge, den wir in einer Schule im Norden bei Mansa fördern, bleibt ein Ausnahmefall.)

Fazit aus den persönlichen Gesprächen mit Stipendiaten

An allen Schulen haben wir persönliche Gespräche mit unseren Stipendiaten geführt und einen kleinen Fragebogen ausfüllen lassen. Dabei haben sich zwei Fragen und Wünsche besonders herauskristallisiert: Wie lange bezahlen wir die Schulgebühren? Ist eine Unterstützung durch uns nach Schulabschluss möglich?

Die erste Antwort war wie oben beschrieben, dass wir unsere Stipendiaten bis zum Schulabschluss begleiten. Die zweite Frage nach der Zeit danach konnten wir nicht ausreichend beantworten, nur soweit, dass die Mitglieder des sambischen Vereins Kontakte zu Colleges und Universitäten oder zu Betrieben hätten, die im Einzelfall genutzt werden könnten. Die Schuldirektoren wollten ebenfalls guten Schulabgängern bei Bewerbungen für Stipendien behilflich sein.

Das Problem, was geschieht nach Schulende mit unseren Jugendlichen, ist eines, das über das Vereinsziel hinausreicht und dennoch bedacht werden muss. Diese Frage wurde und wird mir in Deutschland sehr oft gestellt. Hier wäre zu überlegen, eventuell persönliche Patenschaften zu vermitteln und Betriebe oder Bildungseinrichtungen für eine weitere Förderung zu gewinnen. Prinzipiell muss aber gesagt werden, dass eine abgeschlossene Schulausbildung an sich in Sambia einen Wert darstellt, den Hunderttausende von Kindern und Jugendlichen nicht besitzen. Besonders der sambische Partnerverein wird hierzu Ideen entwickeln. Aus den Befragungen der Jugendlichen war auch deutlich zu erkennen, dass viele in Sambia wenig Zukunftschancen sehen und gerne ins Ausland, z. B. Südafrika, zum Studium gehen würden. Um so wichtiger ist, ihnen im eigenen Land eine Perspektive zu geben, denn hier werden sie dringend gebraucht.

Randbemerkung

Es ist unser erster Besuch bei den Schulen. Wir haben zwar eine Menge Fragen mit auf den Weg bekommen, aber es ist nicht möglich, überall alle Fragen zu stellen. Jede Schule ist anders, die Schuldirektoren und Lehrer sind sehr unterschiedlich, die Situation an den Schulen manchmal so erdrückend, dass wir eher zurückhaltend abwarten und möglichst viele Eindrücke aufnehmen. Für Olaf, Silvia und mich sind die Armut, der Mangel an Selbstverständlichem und die Auswirkungen von Aids oft schwer zu ertragen, besonders die Schicksale der vielen Aidswaisen an den Schulen. Wir kommen zwar als Helfer in das Land, sind aber auch Gäste und kommen im Sinne von Hans Büttner als Partner und Zuhörer, um gemeinsam zu beraten, wie Verbesserungen zu entwickeln sind. Nicht als Besserwisser und die, die die bohrenden Fragen stellen, erscheinen wir an den Schulen. Wir wollen das Vertrauen der Lehrer und Schüler gewinnen und dann die richtigen Fragen stellen. Das wird von Besuch zu Besuch mehr geschehen.

15., 16., 17. Juni – ein Wochenende „Sightseeing“

Im Süden Sambias zu sein und die Victoria Falls, die Mosi-oa-Tunya (der Rauch, der donnert), nicht zu sehen, wäre unverzeihlich. So hat Winnie nach den intensiven und anstrengenden Schulbesuchen eine „Belohnung“ für uns eingeplant. Eine kleine Aufregung gibt es, als wir nach der Schule in Monze Diesel auftanken wollen. Nichts. An der Tankstelle meint man, vielleicht morgen ... Wir fahren zurück zum Motel, und fragen den Besitzer, einen ehemaligen Parlamentsabgeordneten, ob er weiß, wo wir Diesel kriegen. Er telefoniert die Tankstellen der Gegend durch und meint, wir sollen morgen früh nach Mazabuka fahren. Wir brechen am Freitag sehr früh auf, mit den letzten Litern die 60 Kilometer nach Norden (an den Tankstellen unterwegs kein Diesel) und hoffen auf den Einfluss des Abgeordneten (die reservieren was für euch). Es klappt, wir müssen nun 390 km nach Süden, nach Livingstone einplanen, haben genug Sprit und hoffen, noch nachmittags anzukommen.

Wir weichen fast allen Schlaglöchern aus, werden auch nicht von entgegendonnernden Riesenlastern gerammt, erkennen gerade noch rechtzeitig die Schwellen vor Ortschaften, haben einen Heidenrespekt vor den unübersichtlichen Bahnübergängen und beachten immerzu alle Fußgänger und Radfahrer am Straßenrand der einzigen Nordsüdverbindung. Wir, das ist Winnie am Steuer, die sich nicht ablösen lassen will, Silvia, Olaf und ich, die eifrig in die Landschaft gucken und, wenn wir nicht reden, unseren Gedanken nachhängen.

Da wir ja keine Urlaubsreise machen, nur kurz: Wir kommen heil in Livingstone an, fahren sofort zu den Fällen, gehen an den vorgegebenen Wegen durch den Dauersprühregen, triefen vor Nässe, fotografieren trotzdem wie verrückt, niemand kann dem Regenbogen und der gewaltigen Natur widerstehen. Der Sambesi stürzt hier in die Schlucht, wo als erster Weißer Dr. David Livingstone das Schauspiel 1855 gesehen hat. Winnie sagt, sie hat sich schon so darauf gefreut, mit mir hier durch die Gischt zu laufen.

Winnie, Silvia und Gerda nassgesprüht vor den Viktoriafällen

Silvia und Olaf sind begeistert. Am Samstag gönnen wir uns Luxus und fahren mit der African Queen auf dem Sambesi, kaufen im einheimischen Souvenirmarkt Geschenke und Grafik, gehen abends schön Essen und lassen uns mit dem Taxi zum Aids-Benefizkonzert der USAID fahren, wo Laura Bush und Kenneth Kaunda als Prominente anwesend sind.

One 4 One als Motto des USAID-Benefizkonzerts in Livingstone

Am Sonntagmorgen wollen wir zurück nach Lusaka fahren, weil nachmittags bei Longas Schwester eine kleine Party für uns stattfinden soll mit Familie und unserem Partnerverein. Die Batterie streikt. Wir sind alle froh, dass das in Livingstone in der Lodge und nicht mitten im Busch passiert. Alle Startversuche scheitern. Ein weißer Südafrikaner, der Safaris anbietet, kommt zufällig vorbei und gibt gute Ratschläge. In der Lodge telefoniert man mit einer befreundeten Werkstatt, die zwei Mechaniker vorbeischickt. Die probieren alles mögliche aus und meinen, es liegt wirklich nur an der Batterie, bauen sie aus, bauen die von ihrem Auto aus, bauen sie in Winnies Auto ein: es springt an. Also fährt Winnie mit in die Werkstatt, kauft eine neue Batterie, die wird eingebaut, und gegen halb zwölf können wir endlich die 475 km nach Lusaka antreten. Gerade noch vor Einbruch der Dunkelheit kommen wir am Stadtrand von Lusaka an. Die Party hat sich, als wir dort verschwitzt und verstaubt auftauchen, fast aufgelöst, aber es wird noch ein schöner Abend. Wir bedauern nur, dass wir keine Gelegenheit mehr haben, mit den Mitgliedern des Partnervereins über unsere Eindrücke zu sprechen.

Montag, 18. Juni 2007 – Gespräche mit DED, FES und Deutscher Botschaft

Am Schluss unserer Reise seien Gespräche mit Einrichtungen und Organisationen sinnvoll, meint Winnie. Und sie hat recht, denn erst nachdem wir über unser Schulbildungsprojekt nun konkret Bescheid wissen, die Situation selber kennen gelernt haben, können wir mit anderen über eventuelle Unterstützung und Zusammenarbeit reden.

Gleich in der Früh treffen wir Manfred Dassio, den Direktor des Deutschen Entwicklungsdienstes in Sambia. Er hatte bereits über das Entwicklungsministerium in Deutschland von unserem Verein gehört und vor einigen Wochen bei mir angerufen. Ich stellte den Kontakt zu Winnie her, die ihm von unserem Projekt erzählte. Nun sitzen wir in seinem Büro und berichten von unseren Schulbesuchen, der Not, der aussichtslosen Lage von Aidswaisen ohne Hilfsangebote, aber auch von der Besonderheit unseres Fördervereins mit der persönlichen Betreuung und Kontakten. Wir wissen nun, wie arbeitsintensiv dieses Projekt ist und mit welchem personellen und finanziellem Aufwand zu realisieren, wenn wir den ständigen Nachweis der Verwendung der Gelder und der tatsächlichen Schulbildung unserer Stipendiaten erbringen wollen.

Da ich von Anfang an betont habe, dass alle Spendengelder zu hundert Prozent in die Schulausbildung für Aidswaisen fließen werden, müssen wir uns für den personellen und organisatorischen (d.h. unter anderem auch ein Fahrzeug) Aufwand andere Wege der Finanzierung (bis zur persönlichen Beteiligung) überlegen. An dieser Stelle könnte der DED ansetzen, der in Entwicklungsländern auch Initiativen kleinerer Organisationen beisteht. Da wir den sambischen Partnerverein haben, der vor Ort tätig ist (eine sog. NGO, Non Governmental Organization) besteht die Aussicht, dass der DED dieses Engagement personell und organisatorisch unterstützt Im Moment wird so eine Kooperation ausgearbeitet. Außerdem ist der DED bereit, unsere Finanzen als Revisor zu prüfen. Wir gehen sehr erleichtert aus diesem Gespräch und werden alles tun, damit diese Zusammenarbeit zustande kommt.

Anschließend besuchen wir die Niederlassung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Mir liegt daran, hier Kontakt aufzunehmen, da Hans schließlich für die FES 1979 bis 1981 in Sambia tätig war, wir (Hans, Gerda, Vera und Olaf) damals in Lusaka gelebt haben, ich sondieren will, ob eine Möglichkeit der Unterstützung gegeben sei. Gerd Botterweck ist zwar von unseren Vereinszielen sehr angetan, sieht aber nicht, wo die FES ansetzen könnte, da sie nur Erwachsenenbildung macht. Er persönlich sei aber bereit, als Revisor zur Verfügung zu stehen, was uns natürlich auch weiterhilft. (Ich denke, ich sollte mal mit der FES in Deutschland Kontakt aufnehmen und einfach von unserem Projekt berichten.)

Dann treffen wir die deutsche Botschafterin, Dr. Irene Hinrichsen, die sich freundlicherweise Zeit für uns nimmt. Mit dabei ist Daniela Dempf, zuständig für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie wird unsere Ansprechpartnerin in der Botschaft sein. Wir berichten von unserem Schulbildungsprojekt und unserer Informationstour zu den Schulen. Frau Dr. Hinrichsen kann unsere Eindrücke voll bestätigen und auch die Notwendigkeit von Hilfsmaßnahmen, besonders für Aidswaisen. Sie erzählt uns vom Besuch der Frau des Bundespräsidenten, Eva-Luise Köhler, im vorigen Jahr, den sie mitorganisiert und begleitet hat. Sie rät mir, unbedingt mit Frau Köhler in Verbindung zu treten, die die Lage in Sambia kenne. Die Botschafterin selbst würde unser Projekt gerne ideell unterstützen und deutsche Geschäftsleute in Lusaka darauf aufmerksam machen. Wir sind ihr für den Empfang und ihr Interesse sehr dankbar. Ich darf mich auf sie berufen, macht sie mir Mut.

Noch schnell Geschenke kaufen

Im Anschluss an diese Gespräche treffen wir Longa, essen eine Kleinigkeit, fahren ins Stadtzentrum, kaufen am lokalen Markt echte sambische Chitenges, Stoffe, die von Frauen als Wickelrock, Babytragetuch und für alle möglichen Zwecke verwendet werden.

Frau trägt typische Kleidung

Echt deshalb, weil es gar nicht mehr so leicht ist, sambische Stoffe zu finden, da die Herstellung in Kafue (Kafue Textiles) schon lange eingestellt wurde. Globalisierung überall. Lusaka wäre ein eigenes Kapitel wert – ich werde traurig, in welch miserablem Zustand die Stadt sich befindet: Autos und Abgase, verrottete staubige Nebenstraßen, Plastikmüll an allen Straßenrändern, Armut an allen Ecken und Enden, irgendwo muss sich auch der Wohlstand befinden, denn moderne schnieke Supermarktzentren schießen an den Hauptstraßen aus dem Boden. Öffentliche Armut – privater Reichtum wie in diesen Ländern üblich. Immerhin ist Frederick Chiluba, der vormalige Präsident, zu einer Rückzahlung von 50 Millionen Dollar öffentlicher Gelder verurteilt worden, die er in seine eigene Tasche umgeleitet haben soll. Ich bin viel zu kurz im Land, um eine faire umfassende Analyse zu erstellen. Es sind Bruchstücke, die ich zu kennen glaube.

Dienstag, 19. Juni 2007 – Rückreise

Packen, alles überflüssige hier lassen, Platz im Koffer für Geschenke schaffen. Um halb sieben kommt Winnie, um uns zum Flughafen zu fahren. Der Abschied mit gemischten Gefühlen. Das Heimweh, das ich damals vor über 25 Jahren beim Verlassen des Landes spürte, bleibt aus, eher Trauer über ein Land, das sich im Aufbruch befand und durch HIV/Aids niedergeworfen wurde. Winnies Urlaub ist heute zu Ende, sie muss wieder ins Ministerium, wo ein Berg von Arbeit auf sie wartet. Wir sind froh über die gemeinsame Zeit und wissen, dass unser Schulprojekt richtig und wichtig ist. Ich will nächstes Jahr wiederkommen.

Gegen zwei Uhr nachts am 20. Juni kommen wir in Ingolstadt an. Doch so schnell wird der Alltag nicht für mich beginnen.

Einen Herzlichen Dank an Winnie und Longa für ihren enormen Einsatz und die Gastfreundschaft während unseres Aufenthaltes. Ebenso möchten wir uns bei den Vorstandsmitgliedern der HBCAA für die gemeinsame Vorstandssitzung und die Unterkunft in Lusaka bedanken.

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